Die Wiege der Kreuzfahrten steht in Hamburg

Die Idee mit einem Schiff auf eine Bildungs- und/oder Vergnügungsreise zu gehen, entstand in Deutschland. Der Hamburger Reeder Robert M. Sloman, ein ausgewanderter Engländer, hatte 1845 die Idee, eines seiner nicht ausgelasteten Segelschiffe auf eine Kreuzfahrt zu schicken. Dass der Plan scheiterte, lag am Anzeigentext, denn Sloman wollte nur „unbescholtene und vorzugsweise wissenschaftlich gebildete Personen” mitnehmen. Diese überprüfbaren Faktoren schreckten wohl viele Interessenten ab. Was nützte da der Hinweis, dass die „Passagiere in vielseitiger gebildeter Gesellschaft mit allem Lebenskomfort umgeben die Wunder und Naturschönheiten der fernsten Gegenden, die Sitten so vieler verschiedener Völker kennenlernen und bei frischer Seeluft gestählter Gesundheit sich zugleich einen für das ganze Leben unversiegbaren Schatz an Erfahrungen sammeln”. Der erhoffte Ansturm auf die Plätze blieb aus. Es meldeten sich nur seine Frau und die ungeliebte Schwiegermutter. Beide pochten auf einen Freiplatz. Sloman soll beide Anträge mit dem Hinweis abgelehnt haben, dass allein Unbescholtenheit nicht ausreicht. Das aber mag nur eine jener bösartigen Geschichten sein, die an den Hamburger Stammtischen jeder Zeit gehandelt wurden.

Ein halbes Jahrhundert später, genauer gesagt, am 22. Januar 1891, verließ das Dampfschiff „Auguste Victoria” aus dem Hamburger Hafen. Mit nur 241, allerdings handverlesenen Passagieren sollte die Kreuzfahrt ins Mittelmeer gehen. Die Auswahl der Gäste erfolgte nach dem Wunsch von Albert Ballin nicht nach Geld allein, sondern auch nach Rang und Bildungsstand.

Anlässlich der Probefahrt der „Meteor” kam der Chef der Hamburg-Amerika-Linie, Albert Ballin, auf die erste Kreuzfahrt zu sprechen und berichtete amüsiert: „Es fehlte selbst in meiner allernächsten Umgebung nicht an Leuten, die glaubten, es sei in meinem Oberstübchen nicht ganz richtig, als ich an der Spitze von 241 kühnen Reisenden mit der ,Auguste Victoria’- so hieß die junge Kaiserin – eine Exkursionsreise nach dem Orient unternahm.” Der hohe Bildungsanspruch, den die Hamburger Großreederei an die Kundschaft stellte, konnte nicht lange durchgehalten werden, denn die Lustreise kostete zwischen 1800 und 2700 Mark pro Person. Dem Kaiser war das egal, er verabschiedete das Schiff und Ballin mit den Worten: „Bringen Sie unsere Landsleute nur auf See, das wird der Nation und Ihrer Gesellschaft reiche Früchte tragen!”

In der fruchtbaren Nilebene trafen die Damen und Herren der gehobenen Gesellschaft erstmals auf eine ihnen ferne und fremde Kultur. Die Begegnung mit dem Orient war geprägt vom Selbstbewusstsein der abendländischen Zivilisation. Das breit gefächerte Bildungsangebot an Bord des Luxusdampfers wurde durch eine herausragende Küche bestens ergänzt. Zur Kurzweil hatte der Schiffsarzt „Olympische Spiele” organisiert mit den Disziplinen Brotkauen, Lichterschnappen, Eierlaufen und Sackhüpfen. Ähnliche alberne Spiele gibt es auch heute noch auf Kreuzfahrtschiffen der gehobenen, aber auch der unteren Preisklassen.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Luftfahrt den Liniendienst mit Ozeandampfern unrentabel gestaltete, suchten die Reeder neue Beschäftigungsfelder für ihre freigewordenen Luxusschiffe. Kreuzfahrten hieß das wiederentdeckte Programm der Exkursionsreisen mit einem Publikum, das leben und leben lassen will. Nur die großen Pötte passten nicht mehr in die Zeit. Zuerst verschwanden die prunkvollen Gesellschaftsräume, der Plüsch und der Pomp, dann ein Teil des Bedienungspersonals. Erhalten blieb jedoch die hohe Kunst der Köche und die See natürlich.

Es gibt sie noch, die großen Luxusschiffe, die mehr Stewards als Passagiere rund um die Welt spazieren fahren, aber um mit ihnen die sieben Weltmeere zu durchkreuzen, muss eine alte Frau sehr viel Wolle verstricken. Heute sind Kreuzfahrten für eine breite Schicht der Bevölkerung erschwinglich. Der gebotene Luxus muss bezahlbar sein, ohne dass der Gast das Gefühl hat, ihm wird Entscheidendes vorenthalten, was besser betuchten Passagieren auf Kreuzfahrtschiffen der Luxusklasse geboten wird.

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